Die verschwundene Festplatte
und die Fragen der Presse

 

Interview mit Dr. Bernd Wißner,

Die Fragen stellten: dpa, Süddeutsche, Münchener Merkur, Augsburger Allgemeine, Stern, Focus, ARD, Bayerischer Rundfunk, Radio Rt1, Bild u.a., also die Presse = p. Alle Dialoge sind echt, aber ggf. aus verschiedenen Gesprächen zusammengesetzt.

 

p:      Herr Wißner, sind Sie der Sachverständige in der Affäre mit der verschwundenen Festplatte?

w:     Ja, aber Sie haben einen Plural übersehen.

 

p:      Können Sie uns sagen, welche Daten auf der Platte waren?

w:     Bitte haben Sie Verständnis: Als Sachverständiger habe ich die gleiche Verschwiegenheitspflicht wie beispielsweise ein Arzt oder Anwalt. Ich kann auch nicht Ihren Arzt anrufen und fragen, wie es Ihrem Bauch geht. Er wird mir nicht einmal bestätigen, dass Sie sein Patient sind. Zusätzlich bin ich Zeuge in einem Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt. Diese Untersuchungen möchte ich nicht beeinträchtigen.

 

p:      Herr Wißner, die Bild nannte Sie die "interessanteste Figur in Bayern"

w:     Tja, jetzt muss ich mich wohl bei Stoiber entschuldigen, das wollte ich ihm wirklich nicht antun, nach ihm und dem Kini komme ich allenfalls auf Platz 3.

p:      Und Strauß?

w:     Sie meinen sicherlich Strauß-Vater. Dann müsste er erst in einem Musical wiederauferstehen - warum eigentlich nicht, das könnte man doch prima in den Wartehallen von MUC aufführen.

 

p:      Die Bild hat geschrieben, Sie waren es.

w:     Was erwarten Sie von Bild?

p:      Der bayrische Justizminister hat im Landtag aber auch gesagt, bei Ihnen wäre die Festplatte verschwunden.

w:     Vielleicht liest er Bild. Spaß beiseite. Das kann ich nicht glauben, das entspricht nicht dem Stand der Ermittlungen soweit sie mir bekannt sind. Fest steht, dass die Festplatte von mir nach München zu einer weiteren Spezialfirma geleitet wurde. Dort angekommen ist sie definitiv. Hier verliert sich die Spur. Ob und wie sie zurückgekommen ist, ist unklar. Alles Weitere ist Spekulation. Die Verantwortung liegt sicher zu einem Teil bei mir, da ich für die Festplatte wie auch für alle anderen elektronischen Daten die Schaltstelle war.

p:      Wie konnte es dann passieren?

w:     In diesem Fall wurde alles besonders gut gemacht. Alle Transfers wurden durch Boten erledigt, die Versendung von Aufträgen, Dokumenten, Ergebnissen und Briefen wurde vermieden. Dadurch wurde die Festplatte nicht wie jede andere behandelt und fiel vermutlich durch irgendein Raster.

 

p:      Manche argwöhnen, dass hier der Strauß-Clan am Werke war.

w:     Dass die Festplatte verschwunden ist, ist ärgerlich genug. Dass in der Folge nun bei manchen Leuten auch noch der Verstand abhanden kommt, ist tragisch.

p:      Wieso?

w:     Haben Sie vergessen, dass noch vor kurzem die Augsburger Staatsanwaltschaft für die akribische Ermittlungstätigkeit gelobt wurde?

 

p:      Die Bild schrieb, dass Sie einen schwarzen C-Klasse-Mercedes fahren, welches Auto fahren Sie wirklich?

w:     Das ist etwas peinlich für die Bild: seit der Reporter hier war, fehlt der Wagen. Ich habe einen VW T2, den ich selbst zum Camper ausgebaut habe, aber am liebsten fahre ich Fahrrad.

p:      Als Strauß-Fan würden sie ja doch wohl eher BMW fahren?

w:     Oder Audi?

p:      Den fährt doch der Schröder.

w:     Es wird schwer, in Bayern politisch korrekt Auto zu fahren.

 

p:      Ich habe hier einen dicken Stapel mit Ausdrucken, das sind offensichtlich Ihre Auswertungen der Festplatte.

w:     Wie kommen Sie daran?

p:      Das kann ich Ihnen leider nicht sagen. Bitte helfen Sie mir, wo soll ich suchen, wenn ich etwas interessantes finden will? Das ist so viel Material!

w:     Da müssen Sie schon selber arbeiten.

 

p:      Nach den neusten Erkenntnissen sind plötzlich bei der Staatsanwaltschaft Disketten von M.J.S. wieder aufgetaucht. Wie kann so etwas passieren?

w:     Das ist eine Ente. Die Disketten waren immer da, sind datentechnisch ausgewertet worden und befinden sich nebst dicken Ergebnis-Ausdrucken bei den Ermittlungsbehörden.

p:      Was ist dabei rausgekommen?

w:     Wie war das mit Ihrem Arzt?

p:      Sie werden mir doch sagen können, ob Sie Beweise gefunden haben.

w:     Das Verfahren ist noch nicht abgeschlossen, soviel ich weiß. Es ist ein sehr positiv für einen Rechtsstaat und für die Augsburger Staatsanwaltschaft, dass dieser Fall trotz des politischen Interesses so sorgfältig gehandhabt wird. Das möchte ich als Sachverständiger ausdrücklich unterstützen. Ein Beschuldigter hat Rechte, auch wenn er prominent ist.

 

p:      Sie schreiben in dem mir vorliegenden Gutachten, dass es sich bei der Datei um eine alte Version der Datenbank "Maxdat" handelt. Können Sie das bestätigen?

w:     Steht das so vor Ihnen?

p:      Ja!

w:     Warum soll ich das dann noch bestätigen? Sie haben es doch schon schriftlich.

 

p:      Soeben erfahren wir, dass die Festplatte bei Ihnen wieder aufgetaucht ist.

w:     Das müsste ich wissen.

p:      Hier heißt es aber, dass sie wieder in das Notebook eingebaut worden ist.

w:     Es handelt sich in diesem Fall um eine Kopie der Daten auf der Festplatte. Bevor die Platte zur Datenrettungsfirma gegeben wurde, haben wir natürlich eine gleichwertige Platte besorgt und die Daten kopiert.

p:      Sie haben also die Daten?

w:     Sicher, die Daten waren nie verloren, dass habe ich der Presse doch schon vor zwei Wochen gesagt.

p:      Was geschah daraufhin?

w:     Ich wurde von Kienzle und Hauser in den Reißwolf gesteckt.

 

p:      Herr Wißner, was soll die ganze Aufregung um die Kopie der Festplatte, das weiß die Presse doch schon seit Jahren.

w:     Woher?

p:      Es steht doch in Ihren Gutachten.

 

p:      Was ist eine Image-Kopie?

w:     Im Gegensatz zur Datensicherung, bei der nur die offiziell lesbaren Daten kopiert werden, wird beim Image der gesamte Platteninhalt 1 zu 1 Bit für Bit kopiert, d.h. auch gelöschte Daten.

p:      Warum haben Sie die gelöschten Daten nicht berücksichtigt?

w:     Es war eine neu formatierte Platte, wie Sie wissen. Außer der Windows Auslagerungsdatei und einer abgestürzten Datenbank waren keine gelöschten Daten vorhanden. Beide Bereiche wurden natürlich von uns ausgewertet, enthielten aber zwangsläufig nichts anderes, als auf der Platte offiziell lesbar war, weil sie ja nur aus diesen Daten entstanden sein können.

p:      Was hatte dann die Datenrettungsfirma Convar zu tun?

w:     Sie sollte die Daten wieder lesbar machen, die durch die Neuinstallation der Platte überschrieben worden waren, d.h. unter der jetzt vorhandenen Magnetisierung evtl. noch als Restmagnetisierung vorhanden sein könnten.

p.      Ist denn so etwas möglich?

w:     Wir hatten vorher mit namhaften Datenrettern wie Ibas in Norwegen und Hamburg, Ontrack in USA und England, R+ S in Hamburg, MSS in Lüdenscheidt und Baum in Esslingen Kontakt aufgenommen. Die Antwort war jedes Mal die Gleiche: Bei einer alten 5 1/4 Zoll 10 MB-Platte wäre das evtl. noch möglich, aber bei einer kleinen Notebookplatte mit 240 MB ist die Magnetspur so dünn, dass hier nichts mehr machbar sei.

p:      Warum haben Sie nicht gleich an das BSI gedacht.

w:     Haben wir. Zum BSI wollte man nicht gehen, da nicht bekannt war, ob parteipolitische Abhängigkeiten bestehen.

p:      Convar behauptet nun, dass Ihnen am 11.Juli 96 17 MB restaurierte Daten angeboten wurden und Sie hätten wegen des Preises von knapp 10.000 DM abgelehnt. War Ihnen das zu teuer?

w:     Wir, d.h. die Staatsanwaltschaft hätten wesentlich mehr Geld dafür ausgegeben. Es wurde mir am 11. Juli schriftlich mitgeteilt, dass keine Datenrettung möglich sei. Es seien lediglich unzusammenhängende Ketten von 3 - 24 Bit vorhanden. Das sind maximal 3 Buchstaben. Der Staatsanwalt hat dann entschieden, die Platte zurückzufordern. Aufgrund dieser schriftlichen Absage von Convar wäre etwas anderes nicht vertretbar gewesen.

p:      Einige Medien haben die Meldung, dass Sie eine Datenrettung abgelehnt hätten noch tagelang gebracht.

w:     Ja, obwohl längst das Gegenteil bekannt war. Das war sehr belastend.

p:      Wenn nun diese Daten wieder auftauchen?

w:     Das wäre doch gut.

p:      Sind denn solche Daten auf einer Imagekopie vorhanden?

w:     Nach meinem Verständnis nicht. Hier bräuchte man eine analoge Aufzeichnung des gesamten Rauschspektrums. Wir haben ja schließlich keine Daten, sondern nur evtl. Restmagnetisierungen. Man bräuchte eine digitale Tonaufzeichnung.

p:      Warum digital?

w:     Weil sonst nach den vergangenen 4 Jahren die schwachen Töne schon magnetisch verlorengegangen wären. Sie kennen doch den blassen Sound oder die drop-outs alter Musicassetten.

 

p:      Wieso meldet sich Ihr Büro mit Wißner-Verlag?

w:     Um Sachverständiger werden zu können, brauchen Sie nach den Vorschriften der IHK finanzielle Unabhängigkeit. Meine ursprüngliche Firma habe ich nach der Vereidigung zum Sachverständigen behalten.

p:      Was haben die beiden Berufe miteinander zu tun?

w:     Die technischen Probleme einer Druckvorstufe sowie von Database-publishing und die eines Sachverständigen sind sehr ähnlich. Durch den Verlag werde ich ständig mit den neuesten IT-Techniken auf Trab gehalten.

p:      Was machen Sie für Bücher?

w:     Schöne! Z.B. haben wir gerade das Buch "Der Grenzgänger" herausgegeben, die Kurzgeschichten von Nurdan Kaya.

p:      Das klingt türkisch.

w:     Ja, aber sie hat für diese Texte schon drei deutsche Literaturpreise erhalten.

p:      Auf Ihrer Internetseite zeigen sie Bücher über Augsburg.

w:     Oder aus Augsburg. Z.B. das Buch zum Film der Augsburger Puppenkiste: "Lilalu im Schepperland", das Ostern im Fernsehen gesendet wurde.

Aber über den Verlag könnten wir uns Stunden unterhalten, das wird Ihr Ressort kaum interessieren.

p:      Sagen Sie das nicht!

 

Zusammenstellung: Bernd Wißner