BAYERNMittwoch, 19. April 2000
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Festplatte bleibt verschollen

Augsburger Staatsanwalt macht sich wenig Hoffnungen

Von Sebastian Beck

MÜNCHEN – Das Ding, das Reinhard Nemetz derzeit so großen Ärger bereitet, ist kleiner als eine Schachtel Zigaretten und seit dreieinhalb Jahren spurlos verschwunden. Am 5. November 1996 war die sichergestellte Computer-Festplatte von Max Strauß letztmals „existent“, wie es der Leiter der Augsburger Staatsanwaltschaft formuliert. Jetzt würde er sie nur zu gerne wieder in die Hände bekommen, große Hoffnungen macht er sich aber nicht. Seit gut einer Woche fahndet die Augsburger Staatsanwaltschaft nach der Festplatte, hat die Büros zweier Sachverständiger auf den Kopf gestellt – bislang ohne Erfolg.

Laut Nemetz konnte noch nicht einmal geklärt werden, welcher der beiden Sachverständigen die Festplatte zuletzt verwahrte. Gestern wollte er den Augsburger Computer-Experten Bernd Wißner dazu vernehmen, der im Auftrag der Staatsanwaltschaft Anfang 1996 die gelöschten Daten auf der Straußschen Festplatte wieder sichtbar machen sollte. Wißner hatte das gute Stück jedoch an einen Kollegen aus dem Raum München weiter gegeben. Irgendwo im Bermuda-Dreieck zwischen Staatsanwaltschaft und den beiden Sachverständigen ging die Festplatte dann verloren.

„Uns ist sie jedenfalls nicht abhanden gekommen“, sagt Nemetz schon mal vorbeugend. Denn über die politische Diskussion der vergangenen Tage hat er sich fast so geärgert wie über das Verschwinden der Festplatte: Als „Nonsens“ bezeichnet Nemetz Äußerungen von SPD-Chefin Renate Schmidt, die von krimineller Amtshilfe zu Gunsten von Max Strauß gesprochen hatte. „Der Vorwurf träfe zu, wenn wir die Festplatte hätten verschwinden lassen wollen“, sagt Nemetz. Das Gegenteil sei aber der Fall: „Mein primäres Interesse ist es, das Ding wieder zu finden.“ Der Staatsanwaltschaft könne man nicht vorwerfen, dass sie Beweise unterdrücke. Zumal es nach Worten von Nemetz wesentlich elegantere Methoden gegeben hätte, um zu Gunsten von Max Strauß Einfluss auf das Verfahren zu nehmen: Hätte die Staatsanwaltschaft auf die Durchsuchung bei ihm verzichtet, dann hätte man die Festplatte gar nicht erst sichergestellt. Für „hoch spekulativ“ hält Nemetz Behauptungen, die Festplatte sei wichtigstes Beweismittel im Ermittlungsverfahren gegen Strauß: „Kein Mensch weiß, was drauf war und wie sie rekonstruierbar wäre.“ Deshalb sei die Festplatte ein potenzielles Beweismittel, mehr nicht.

Diskutieren könne man jedoch über die Frage, ob die Augsburger Staatsanwaltschaft ihr Asservat nicht früher hätte zurückfordern sollen. Die Antwort darauf hat Nemetz schon parat: „Es ist nichts Besonderes, dass etwas jahrelang beim Sachverständigen liegt.“ Nur, dass dort eine Festplatte verschwindet, ist schon etwas Besonderes, das weiß auch Nemetz. „Im Nachhinein ist man immer schlauer“, sagt er.

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ArtikelSZ vom 19.04.2000 - Bayern
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